Die Spotverträge über Erdgaslieferungen werden Europa mit billigem Gas versorgen. Diese Meinung verbreitet sich unter den europäischen Verbrauchern, die aktiv nach einem Ausweg aus der schwierigen Energiemarktsituation in der EU suchen. Können die Spotverkäufe zur Panazee für die europäische Energetik werden? Sie haben ja auch Vor- und Nachteile, wie die langfristigen Verträge.
Die Europäische Union hat sich eine lange Zeit für langfristige Erdgaslieferverträge ausgesprochen. Der Grund ist klar: solche Vereinbarungen garantieren dem Käufer, dass er benötigte Erdgasmengen für seine Bedürfnisse erhält. Die langfristigen Verträge sind auch für den Verkäufer nützlich: er kann die Nachfrage nach seinen Produkten auf Jahre hinaus planen und also das Geld in den neuen Gasfeldern einzulegen ohne zu fürchten, dass sein Erdgas uneingelöst wird. Ohne diese Garantie würde ja niemand in Gasleitungsbau investieren.
Die Grundsätze der langfristigen Verträge sind die Folgenden: sie stellen die jährlichen Gasentnahmemengen nach dem „Nimm-oder-zahle-Prinzip“ („take or pay“) fest. Es sind gewöhnlich Minderentnahmen von höchstens 20 Prozent der jährlichen Menge zulässig – verbraucht der Käufer weniger, so zahlt er große Geldstrafen. Die Gaspreise werden regelmäßig angepasst. Sie sind dabei auf die Preise für alternative Energieträger wie Dieselöl und Masut angewiesen, die bei der Energieerzeugung das Erdgas ersetzen können. Die Gaspreise werden ungefähr alle sechs Monate korreliert, der Käufer kann sich also bereits vor einem halben Jahr vorstellen, was er für das Erdgas gemäß langfristigen Verträgen zahlen muss.
Auf dem atlantischen Markt, vor Allem in den USA, gibt es andere Prinzipien. Das Erdgas ist da eine selbständige Börsenware und die Gaspreise werden für kurze Zeitperioden festgelegt, unabhängig von den möglichen Ersätzen, sondern autonom. Das nennt man Spotmarkt – anders gesagt, Markt der kurzfristigen Verträge. Die Spotverträge kommen auch in der Alten Welt vor: in Großbritannien, dessen Markt von den Märkten anderer europäischen Länder physisch isoliert ist, sowie in den Niederlanden und in der Bundesrepublik.
Der Hauptvorteil des Spothandels ist es, dass die Gaspreise mit keinen Ölpreisen verbunden sind, was auch berechtigt ist. Doch führt er zu Risiken sowohl für den Käufer, als auch für den Erzeuger. Der Erstere ist vor dem Gasmangel unter Bedingungen des Spitzenverbrauchs nicht geschützt – die Spotverträge garantieren keine Lieferungen in der Zukunft. Dies bedeutet, dass man jederzeit einen heftigen Preisstoß erwarten kann. Eine solche Unvorhersehbarkeit erschwert bedeutend die wirtschaftliche Entwicklung. Auch der Verkäufer hat keine langfristigen Absatzgarantien: auf dem heutigen Spotmarkt werden die Verträge für höchstens ein – zwei Jahre geschlossen.
Ein solcher Markt kann sich außerdem nur unter einem Bedingung entwickeln – wenn es möglich ist, das Erdgas aus verschiedenen Quellen zu entnehmen. Und diese Bedingung entsteht nur in zwei Fällen. Erstens, wenn ein Land über eine Menge von Erdgasfeldern und ein gut entwickeltes Gasleitungssystem verfügt, das eine Wahl der Lieferanten ermöglicht. Zweitens, wenn man Flüssigerdgas erhalten kann. Solche Bedingungen haben die USA und Großbritannien: sie besitzen Infrastrukturen für Flüssigerdgasimport sowie eine gut entwickelte innere Gasleitungssystem.
Das Kontinentaleuropa befindet sich aber in einer ganz anderen Situation. Viele EU-Mitglieder haben keine zuverlässige Rohrverbindung mit den anderen Staaten. Sie sind auf eine begrenzte Lieferantenanzahl angewiesen, und diese Situation kann in einer kurzen Zeitperiode nicht verändert werden. Die Konkurrenz wird aber in der letzte Zeit immer heftiger. Unter diesen Umständen weist der russische Konzern Gazprom ein flexibles Herangehen zu Liefervereinbarungen auf, so Sergej Pikin, Direktor des Fonds für energetische Entwicklung:
"Gazprom hat in der letzten Zeit angefangen, Flexibilität aufzuweisen, wobei es sich nicht nur nach langfristigen Verträgen, sondern auch nach den Marktpreisen richtet. In diesem Projekt ist noch die politische Komponente sehr stark, die in großem Ausmaß die Ausführung und den Erfolg des Projekts bestimmen wird. Für Russland ist das keine beste Variante. Ich meine aber, dass wir einen Absatzmarkt für unser Gas finden können."
Drei Erdgaslieferanten über Gasleitungen – Russland, Norwegen und Nordafrika bestimmen die Gasverbrauchsgeographie. Das russische Erdgas versorgt im Wesentlichen Ost- und Mitteleuropa und reicht heute kaum für Belgien und Großbritannien. In die Pyrenäen kommt er überhaupt nicht. Mit dem Erdgas aus Algerien und Libyen wird in erster Linie Italien sowie Spanien und Portugal versorgt. 80 Prozent des norwegischen Erdgases werden nach Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Belgien geliefert. Nur 3-4 Prozent kommt nach Mitteleuropa. Was nun das Flüssigerdgas betrifft, so wird es auf dem europäischen Markt begrenzt angeboten. Und die Hoffnungen der EU auf das billige Flüssiggas aus Australien können sich kaum bewahrheiten – es wird von China und Japan abgenommen.
Dabei haben die Europäer schon einen ständigen Mythos im Kopf, dass der Spotmarkt billiges Erdgas bedeutet. Das stimmt grundsätzlich nicht. Der Spotmarkt ist unvorhersehbar, das ist ein anderes Preisbildungssystem, wobei jedes Ereignis zu einem raschen Preiswachstum führen kann.
Europa muss also heute verstehen: der Börsenhandel mit Erdgas macht es kaum billiger. Die Gasnachfrage wird wachsen, ohne dass das Angebot es schafft. Eine Entwicklung der Produktion und der Flüssigerdgaslieferungen können in der Zukunft theoretisch einen geeinten Gasweltmarkt bilden. Doch auch das wird nicht garantieren, dass das Erdgas billig wird.

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