Die energiewirtschaftliche Strategie der USA ist kein Geheimnis. Ihr Hauptpunkt besteht darin, dass der europäische Bedarf an Energieträgern weiterhin steigen wird, was zur größeren Abhängigkeit von russischen Energieressourcen und dadurch auch zu bestimmten Folgen für die Beziehungen zwischen Russland und Europa führen kann. In Washington ist man besorgt, dass Moskau die steigende Nachfrage nach Energieressourcen zur Stabilisierung seiner Beziehungen mit den westeuropäischen Ländern ausnutzen wird, sodass die USA ihre führende Position in der transatlantischen Region verlieren können.
Außerdem entschloss sich Deutschland für den Atomausstieg und erweiterte den Import von Energieträgern aus Russland. Aus der Sicht der USA wird sich diese Festigung der russisch-deutschen Beziehungen nicht nur auf dem europäischen Sicherheitssystem auswirken, sondern auch im Endeffekt die Einheit Europas und die Grundlagen der NATO gefährden. Die USA betrachten die NATO als ihr Hauptmittel zur Umsetzung ihrer globalen Strategien.
Russland seinerseits stärkt die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, besonders die Kooperation im Bereich Energiewirtschaft. Die Mitglieder der Organisation sind China, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan. Die USA sind an dem sogenannten Südlichen Erdgaskorridor interessiert, um Erdgas aus Turkmenistan nach Westeuropa zu liefern und dadurch die russische Dominanz auf dem Energiemarkt einzuschränken. Die energiewirtschaftliche Strategie der USA ist im Großen und Ganzen auf die Einschränkung der führenden Position von Russland auf dem europäischen Energiemarkt sowie seines Einflusses auf die mittelasiatischen und kaspischen Energiestaaten abgezielt.
Wenn die USA für ein Projekt lobbyieren, zum Beispiel für die Transkaspische Erdgasleitung und dieses Projekt auch realisiert wird, dann werden die USA einflussreicher. Wie sieht es in der Tat aus? Washington verspricht Unterstützung, Präferenzen und Hilfe für irgendwelche Projekte oder Hilfe bei der Erlangung von Subventionen und Kreditgeldern oder bei der Werteinschätzung der Vorräte. Aber im Falle des Südlichen Erdgaskorridors ist diese Strategie erfolglos. Nicht nur aus politischen, sondern eher aus rein wirtschaftlichen Gründen.
Die führenden europäischen Experten sind der Meinung, dass das Projekt Nabucco erst nach 2020 realisierbar ist und nur unter bestimmten Bedingungen. Diese Vermutung beruht auf den Faktoren, die die Entwicklung des Südlichen Erdgaskorridors beeinflussen, nämlich auf der Gasförderung in Aserbaidschan innerhalb von den nächsten 10 Jahren und auf den Kriterien zur Wahl der Pipeline, die diesen Korridor eröffnen wird, auf dem Fertigungsgrad, der kommerziellen Lebensfähigkeit und Zuverlässigkeit der Lieferungen. Laut den Prognosen gibt es mehrere konkurrierende Projekten, die Erdgas aus verschiedenen Quellen (aus Aserbaidschan, Turkmenistan, dem Irak und dem Iran) nach Europa liefern können. Aber nur eine Gasquelle kann bis zum Jahr 2020 zugänglich sein, nämlich das Gas aus dem aserbaidschanischen Vorkommen Schachnedis. Es mangelt an großen Gasvorkommen. Das heißt also, dass es keine wirkliche Alternative zu den russischen Gaslieferungen nach Europa gibt und irgendwann geben wird.
Nabucco wird auf jeden Fall gebaut, wenn auch die Füllung der Kapazitäten mit den Kosten nicht übereinstimmt, so Washington. Das ist ein großes politisches Projekt zur Senkung der Gasprom-Lieferungen. Weiter entstehen mehrere Fragen. Die Ressourcenbasis ist nicht gesichert. Es gibt nur Erklärungen, aber keine Verpflichtungen vonseiten Aserbaidschans, des Irans, des Iraks und Turkmenistans. Man darf auch die politischen und rechtlichen Risiken in diesen Staaten nicht übersehen. Im Irak bestehen auch militärische Risiken. Die Pipeline kann man mit Erdgas aus mindestens zwei-drei Quellen versorgen. Die wirtschaftliche Logik dieses Projektes bleibt unklar. Dem russischen South Stream, dessen Inbetriebnahme für 2017 geplant ist, kann die Strategie der USA kaum Konkurrenz schaffen.

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