понедельник, 28 ноября 2011 г.

Turkmenisches Gas – warum Europa dieses nicht bekommt

Die südlichen Korridore und die Probleme der Kaspischen Region stehen traditionell im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Heute wollen wir uns ein weiteres Mal darüber unterhalten. Bei uns zu Gast ist Witalij Protasow, Bereichsleiter der Energieabteilung des Instituts für Energie und Finanzen. Witalij Sergejewitsch, ich freue mich, Sie bei der „Stimme Russlands“ begrüßen zu dürfen.

Wenn über das turkmenische Gas gesprochen wird, taucht immer wieder unweigerlich der eine Satz auf: Wie, aber Europa bekommt doch das turkmenische Gas gar nicht. Warum? Kaum einer gibt eine Antwort auf diese wichtige Frage. Weil es, so liest man es oft in der Boulevardpresse, wie mit der Schärpe von Portos aus dem berühmten Roman von Alexandre Dumas ist: von der einen Seite aus gesehen gibt es sie. So ist es auch mit dem Gas: hier ist es, man kann es sehen. Aber von einem anderen Blickwinkel aus ist es schon wieder verschwunden. Dies betrifft die Gasreserven, die Turkmenistan bei verschiedenen Verhandlungen angibt, dann stellt es sich wieder heraus, dass die Zahlen zu hoch angesetzt waren und überhaupt nicht der Realität entsprechen. In diesem Zusammenhang muss man auch die Aussage sehen, dass Europa das turkmenische Gas nicht bekommt, oder gibt es noch eine andere Erklärung dafür? 


Protasow: "Es gibt einige wichtige Faktoren. Erstens erhebt eine relativ große Anzahl an Parteien Anspruch auf das turkmenische Gas. Der wichtigste Akteur ist hier nicht einmal Russland, sondern China. Es wird vermutet, dass die Gaslieferungen aus Turkmenistan nach China bis zum Ende dieses Jahrzehntes 40 Milliarden Kubikmeter erreichen werden. Dann gibt es noch Iran, mit dem es einen Vertrag auf 12 Milliarden Kubikmeter Gas gibt. Außerdem ist da noch der Eigenverbrauch an Gas, der zwischen 16 und 20 Milliarden schwankt. Russland kauft bis jetzt keine großen Gasmengen. Kasachstan hat auch einen gewissen Bedarf an turkmenischem Gas. Es gibt also viele Anwärter. Dann gibt es noch das „Projekt Turkmenistan –Afghanistan – Pakistan – Indien“, die Gaspipeline TAPI, die über diese sicher nicht einfache Transitroute ein Volumen von bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas nach Indien vorsieht. Falls also Turkmenistan… Und dennoch, Turkmenistan hat immer erklärt, dass es bereit ist, sein Gas an der Grenze zu verkaufen, was auch immer danach damit passiert, kratzt Turkmenistan überhaupt nicht." 



Das ist eine seltsame Haltung. Wie kann das sein? Man verkauft sein Gas, und dessen weiteres Schicksal interessiert einen dann überhaupt nicht mehr? 



Protasow: "Gar nicht, was macht das denn für einen Unterschied? Das wichtigste ist doch letztendlich, dass die Rechnung beglichen wird. Wenn sich also für Turkmenistan andere Alternativen als Europa auftun, mit den entsprechend passenden Bedingungen, dann wird Turkmenistan darauf eingehen, ohne Frage. Das zweite Moment ist die Ungewissheit über den Umfang der turkmenischen Gasreserven. Die Turkmenen lassen erstens sehr ungern internationale Experten unmittelbar an ihre Lagerstätten heran. Die durchgeführten Expertisen, die formal als unabhängige Expertisen angekündigt werden, stellen sich danach oft als Prognosen mit übertrieben hohen Zahlen heraus. Ein zweites Problem besteht in kurzfristiger Sicht darin, dass die turkmenische Fördermenge stark gefallen ist infolge der Krise und infolge von geplatzten Verträgen, also dass weniger Gas angenommen wurde als vertraglich festgelegt war. Folglich hat Turkmenistan seine Fördermenge stark verringert. Mehrere Jahre werden nun benötigt, um wieder zu den früheren Mengen zurückzukehren, weil viele Lagerstätten verschlossen werden mussten. 


Trotz allem würde ich sagen, dass es für Europa nicht unmöglich ist, turkmenisches Gas zu bekommen. Prinzipiell ist dies durchaus möglich. Ich habe schon eine Möglichkeit genannt: dies wäre beispielsweise über russisches Territorium und durch„South Stream“. Worin besteht der Vorteil dieser Variante? Für Turkmenistan ist er offensichtlich: es kann sein Gas verkaufen und macht Gewinn. Für Russland besteht der Vorteil darin, dass dies als Entgegenkommen gegenüber der Europäischen Union gewertet werden könnte: es besteht Zugang zu turkmenischem Gas, aber dafür im Gegenzug werden „South Stream“ Sonderbedingungen gewährt. Außerdem ist das eine ganz formale Prozedur, denn entsprechend der europäischen Gesetzgebung gibt es sogenannte „Projekte von europäischem Interesse“. „Projekte von europäischem Interesse“ sehen eine Diversifizierung der Transitrouten vor. Das wichtigste Moment ist dabei insbesondere die Diversifizierung der Ursprungsquelle des Energieträgers. Dann gibt es noch die Diversifizierung der Transitroute. „South Stream“ fällt in die Kategorie der Diversifizierung der Transitroute, weil es eine neue Route ist. Aber der Lieferant ist immer noch derselbe, dessen sich Europa heute schon bedient. Wenn aber durch „South Stream“ turkmenisches Gas fließen würde, würde das bedeuten, dass nach allen formalen Kriterien „South Stream“ den Status eines „Projektes von europäischem Interesse“ bekommen müsste. Dies bedeutet, dass er (nicht verständlich) bekommen müsste aus dem dritten Energiepaket, aus dem Bündel an EU-Rechtsvorschriften, die heute ein bedeutendes Risiko für „South Stream“ darstellen. Das wäre natürlich ein Vorteil für die russische Seite. Es ist klar, dass zusätzlich zum schon bestehenden Exportmonopol für russisches Gas und dem Wunsch Turkmenistans, sein Gas an der russischen Grenze zu verkaufen, Russland, das heißt genauer Gazprom, turkmenisches Gas aufkaufen und an Europa weiterverkaufen würde. Der Nachteil für Russland bestünde darin, dass die Gewinnmarge hierbei geringer ist, da die Kosten für turkmenisches Gas höher sind als diejenigen Selbstkosten, die bei der Gasförderung auf russischem Staatsgebiet entstehen. Doch nichtsdestotrotz, bei gewissen von der EU gewährten Vorteilsbedingungen, mit einem vereinfachten Regime für „South Stream“, könnte das einen gewissen Nutzen bringen. Auf diese Weise würde Europa an turkmenisches Gas kommen." 

Aber warum blockiert eigentlich Turkmenistan die Durchführung von unabhängigen Expertisen über seine Gasvorräte? Vor einigen Jahren wurde davon gesprochen, dass die Befreiung von, wie es gewisse europäische Zeitungen ausdrückten, übermäßigem russischen Einfluss, die Diversifizierung der Transportrouten der einzige zu verwirklichende Weg wäre. Turkmenisches Gas also. Es scheint, dass ein Land daran interessiert ist, und das zweite irgendwie auch. Aber erst mit einer entsprechenden Expertise. Warum wird denn eine solche nicht angefertigt? 


Protasow: "Nein, formal werden solche Expertisen durchgeführt."



Aber zwischen Formalität und Realität besteht doch ein riesengroßer Unterschied. 



Protasow: "Das ist völlig richtig. Das könnte damit zusammenhängen, dass eigentlich die turkmenischen Vorräte geringer sind, als dies von der turkmenischen Führung verkündet wird. Oder vielleicht gibt es irgendwelche andere technische Probleme bei der Erdgasförderung. Das heißt, es gibt dieses Erdgas, doch die Förderung ist viel schwieriger, als dies vor potentiellen Investoren zugegeben wird. Deswegen besteht ein Interesse daran, teilweise diese Daten unter Verschluss zu halten." 



Aber warum kann man denn nicht einfach sagen, dass noch so und so viel Gas zur Förderung übrig ist, aber dass dies nicht ganz so einfach sein wird, weil es eine ganze Reihe technischer Schwierigkeiten gibt? Aber Gas gibt es, das ist doch das Wichtigste. Warum hält man das geheim? Um danach, wenn es eine Transitroute gibt, wenn diese ganz gut funktioniert, dass man dann den Hahn zudrehen und sagen kann: Es tut uns Leid, Leute, mehr Gas können wir leider nicht fördern, weil wir dafür keine Ressourcen mehr übrig haben? Worin besteht denn genau der Vorteil? 



Protasow: "Der Vorteil besteht darin, dass man für sich bessere Bedingungen herausschlagen kann. Denn falls es sich erst nach Vertragsabschluss herausstellen sollte, dass die Förderbedingungen schwieriger sind oder dass die Reserven geringer sind, dann ist der Preis aber schon lange festgelegt, zu dem die Gaslieferungen erfolgen sollen. 


Können diese Verträge von der Europäischen Union eingefroren werden, nachdem die Wahrheit ans Licht gekommen ist? 


Protasow: "Das ist schwer zu sagen. Erstens wird es konkrete Geschäftsabkommen zwischen irgendwelchen europäischen Unternehmen und einem turkmenischen Staatsunternehmen geben. Dieses Abkommen ist im Prinzip dann nur ungültig, wenn eine offensichtliche Täuschung vorliegt. Diese muss aber erst nachgewiesen werden. Wenn eine direkte Täuschung vorliegen sollte, müsste dies von einer internationalen Consulting-Firma bewertet und bestätigt werden. Die turkmenische Regierung hat damit eigentlich gar nichts zu tun." 



Die Geschichte mit diesem doch rätselhaften, fast schon legendenhaft anmutenden turkmenischen Gas, das ist doch schon lange kein Geheimnis mehr. Ich denke, dass die europäischen Partner doch auch verstehen, dass hier nicht alles einwandfrei ist und so, wie man sich das wünschen würde. Deswegen zögern sie doch wahrscheinlich auch, dieses Projekt zu realisieren. 

Protasow: "In gewisser Weise, ja. Aber Europa wird Gas, so oder so, benötigen. Die Frage ist, in welchen Mengen Gas nachgefragt wird. Das Interesse ist also nach wie vor vorhanden. Es ist eine Frage des Preises, wie immer. 

Den Text und den Ton dieses Beitrags finden Sie hier.

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