Die „Atomrenaissance“ in Europa ist kaum angefangen und schon zu Ende. Die jüngsten Ereignisse in Japan – das Erdbeben und der darauffolgende Unfall am AKW Fukushima Dai-ichi – erweisen sich als fatal. Heute gibt es eine reale Alternative für Atomenergie – das Erdgas, und einer der Hauptlieferer davon ist Russland. Sind die europäischen Politiker imstande, die Angst vor der mythischen „energetischen Abhängigkeit“ von Moskau zu überwinden?
Von der endgültigen Aufgabe der Atomenergie wurde mehrmals gesprochen. Nach der Katastrophe von Tschernobil in 1986 schien die Atomenergetik keine Zukunft zu haben. Aber nach einer ganz kurzen Zeit begann das, was später als „Atomrenaissance“ bezeichnet wurde. Die Staaten redeten durcheinander davon, dass die Atomenergetik nie aufzugeben ist, dass sie eine heftige Entwicklung erwartet.
Der Atom-Feldzug begann mit Europa an der Spitze. Was ist der Grund für solche Liebe der Europäer zur Atomenergie? Noch im Anfang der 90er Jahre verhielten sich die EU-Bürger sehr kritisch zu den AKWs. Italien schloss alle seinen Atomkraftwerke zu 1990. Deutschland nahm das Atomausstiegprogramm an und plante vor, den Abbau der Kernkraftwerke in 2009 zu beginnen. Auch Schweden dachte über den Abbau seiner AKWs nach. Die Außerbetriebsetzung der AKW Ignalina in Litauen war eine Voraussetzung des EU-Beitritts für dieses Land.
Aber plötzlich was alles anders. Man sprach davon, dass die Atomenergie ungefährlich und die Radiophobie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit sei, dass die Atombranche einen großen Sprung vorwärts gemacht habe und total zuverlässig geworden sei. Die Europaländer sprachen über Baupläne neuer Kernkraftwerke. Sogar in Deutschland hob die Regierung von Merkel den Beschluss auf, alle AKWs zu schließen, der von der Koalition unter Gerhard Schröder gefasst worden war. Die Erklärung war ganz einfach. Europa hatte Angst vor dem wachsenden Erdöl- und Erdgasimport aus den Ländern, die es für politisch unsicher hielt (vor Allem wurde Russland gemeint). Hier ist zu bemerken, dass die Atomenergetik die EU nicht von der Notwendigkeit befreit, Energieträger im Ausland zu erwerben: für Atomenergieerzeugung braucht man Uran, dessen Vorräte in Europa fast nicht vorhanden sind. Die großen Uranhersteller wie Kanada und Australien galten in Europa als zuverlässigere Variante, als Russland. Langfristig war diese Strategie zwar von Anfang an aussichtslos, weil nach Schätzungen der Experte die Uranvorräte sogar eher versiegen werden, als die Erdölvorräte. Aus Uran muss man außerdem den Brennstoff für Atomreaktoren erzeugen, womit sich unter anderem das „fürchterliche“ Russland beschäftigt.
Immerhin sollte die Atomeuphorie in Europa nicht lange dauern. Alles veränderte sich buchstäblich von heute auf morgen. Am 11. März 2011 passierte die furchtbare Katastrophe am AKW Fukushima Dai-ichi in Japan. Das Reaktorkühlsystem bestand nicht vor dem Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami. Im Laufe von mehreren Wochen beobachtete die ganze Welt, wie sich die Ereignisse am Kernkraftwerk entwickeln – der Reaktor konnte ja explodieren, und die Folgen wären da furchtbar gewesen. Der Reaktor hielt zum Glück stand, der Atommüll geriet aber sowieso ins Meer. Die psychologischen Folgen des Unfalls waren auch tragisch – das war ein mächtiger Schlag gegen Atomenergie. Die Katastrophe passierte ja in Japan, Marktführer im Bereich Hochtechnologie.
Die Atomenergie musste Kohlenhydrate ersetzen. Jetzt wird alles umgekehrt – sie wird durch Kohlenhydrate ersetzt. Diesen Weg können viele Länder auswählen. Die Schweiz hat beispielsweise nach der japanischen Katastrophe über die Bereitschaft erklärt, aus der Atomenergie in einem Jahr auszusteigen. In Deutschland sind fast sofort nach der Fukushima-Tragödie 7 Kernkraftwerke geschlossen worden. Berlin hat beschlossen, bis 2022 aus der Atomenergie auszusteigen und alle AKWs außer Betrieb zu setzen.
Wodurch aber kann die Atomenergie in Europa ersetzt werden? Drei Möglichkeiten gibt es. Erstens, Kohle. Das Problem besteht aber darin, dass Kohle kein umweltfreundlicher Brennstoff ist. Bei der Benutzung von Abscheidungstechnologien wird die Energieerzeugung um eine Größenordnung teurer. Die zweite Möglichkeit ist die erneubaren Energiequellen, vor Allem Sonne und Wind. Das ist aber auch einen teuren Weg, sagt Sergej Pikin, Direktor des Fonds für energetische Entwicklung:
"Man muss verstehen, dass diese Quellen noch keinen wesentlichen Anteil der Energieerzeugung in Europa abdecken. Jetzt nähert sich dieser Anteil dem Niveau von 15 Prozent an. Für dauerhafte Energieversorgung der Industrieverbraucher eignen diese Quellen noch nicht. Das Gas ist vom Gesichtspunkt der Umwelt und der Qualität der Energieversorgung vorteilhafter."
Die dritte - und nach der Meinung der Experte die möglichste Variante ist also das Erdgas. Das ist ein nicht nur relativ billiger, sondern auch umweltfreundlicher Brennstoff. Wenn Deutschland beschließt, die Atomenergie vollständig durch Erdgas zu ersetzen, wächst die Gasnachfrage um ca. 35 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. In der Schweiz wächst sie um mehr als 6, in Schweden – um 15 Milliarden. Die AKWs werden wahrscheinlich auch in Osteuropa geschlossen – in der Slowakei, in Ungarn, in Tschechien. Für einen solchen Energiebedarf brauchen diese Länder noch ca. 16 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Die Volumen sind großartig, doch das ist noch nicht alles. Italien, das vor kurzem einen Wiederaufbau der Atomenergetik geplant hatte, gab nach der Volksbefragung diese Idee auf. Der Marktführer im Bereich Atomenergie – Frankreich – hat auch seine Erzeugungsvolumen zu senken. Es gibt schon erste Kennzeichen dafür: die Regierung von Straßburg hat im April für die Schließung des AKWs abgestimmt, das 80 Kilometer von der Stadt liegt.
Auf diese Weise findet die „Atomrenaissance“ in Europa ihr Ende. Es ist natürlich nichts dabei, die Alte Welt bleibt nicht ohne Energie. Die Nachfrage nach dem Gas wird steigen – auch nach dem russischen Gas. Unter Berücksichtigung der baldigen Inbetriebnahme zweier Gasrohrleitungen – Nord Stream und South Stream – ist es für Russland kein Problem, Europa mit Erdgas zu versorgen.
Den Text und den Ton dieses Beitrags finden Sie hier.

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