In der Arktis befindet sich – so die Experten – über ein Viertel der gesamten Erdöl- und Gasvorkommen der ganzen Welt. Deshalb werben alle ans Polarmeer grenzenden Länder – neben Russland und Norwegen sind es Dänemark, Kanada und die USA – um eine aussichtsvolle Entwicklung dieses Gebiets. Inzwischen wollen auch manche weit entfernte Länder wie China, Japan, Malaysia und Thailand etwas davon abbekommen.
Der jetzige Status der Arktis wird vom Seerechtsübereinkommen 1982 geregelt; ihm zufolge hat kein Land das Recht auf Alleinkontrolle; die subarktischen Staaten können jedoch die bis zu 200 Meilen von ihrem Ufer entfernte Fläche als ihre eigene Wirtschaftszone erklären. Diese Zone kann noch um 150 Meilen erweitert werden, falls das Land beweist, dass die Küstenstufe seine eigene Kontinentalfläche fortsetzt.
Im Moment bereitet sich Russland vor, bei der UNO eine neue Bewerbung um die Küstenstufe im Gebiet des Lomonossow- und Mendelejew-Rückens zu machen. Dänemark beansprucht ebenfalls ein Teil von ihnen, denn seiner Meinung nach setzen diese Objekte die Grönlandplatte fort. Dasselbe tut Kanada, so der Leiter des Zentrums für nordeuropäische und baltische Forschungen Lew Woronkow:
„Für Russland und andere naheliegende Länder ist ein Partnerweg erstrebenswert und einzig möglich. Falls sie imstande sind zu beweisen, dass irgendwelche Landrücken – in unserem Fall die Mendelejew-Schwelle und der Lomonossow-Rücken – die Fortsetzungen ihrer Kontinentalplatten sind, so können sie eine bis zu 350 Seemeilen weite Rückenstütze beanspruchen. Deshalb gibt es für die Lösung dieses Problems eine gute Grundlage, die auf der internationalen Rechtsnorm basiert. Andererseits wollen die Länder, die nichts mit der Arktis zu tun haben und legitim um keine Küstenstufe werben können, natürlich auch mit im Spiel sein. In dieser Hinsicht schlagen sie vor, in der Arktis ein neues Rechtsregime einzuführen – wie zum Beispiel die Internationalverwaltung in der Antarktis. All das entspricht nicht vollständig dem Seerechtsübereinkommen 1892, dem zufolge nur die subarktischen Länder ein Recht auf die anliegende Küstenstufe haben.“
2007 machte das Russische Institut für Ozeanologie mit dem Eisbrecher „Rossija“ geologisch-geophysische Forschungen in der Anknüpfungszone des Lomonossow-Rückens mit der Küste der Laptew- und der Ostsibirischen See, um die Grenze der russischen Küstenstufe festzustellen. Zu diesem Zweck tauchten die Wissenschaftler mit U-Booten in der Nähe des Nordpols. Zum ersten Mal in der Geschichte holte man von einer Viertausendmetertiefe Bruchstücke des Erdbodens und der Flora. Außerdem wurde auf dem Meeresgrund am Nordpol Russlands Flagge gehisst. Die vorläufige Bruchstückanalyse bestätigte, dass der Lomonossow-Rücken und die Mendelejew-Platte Fortsetzungen der russischen Küstenstufe sind.
Im Sommer dieses Jahres machte sich auf den Weg zum Lomonossow-Rücken das russische Forschungsschiff „Akademik Fjodorow“. Das Hauptziel der Expedition war, die Kapazität der Grundablagerungen zu bestimmen. Ihre Dicke dient als weiteres Kriterium für die Küstenstufengrenzen. Nach einer Analyse der Forschungs- und Beratungsergebnisse wird die Bewerbung um die Außengrenzen der russischen Rückenküste im Polarmeer an extra Kommission in der UNO weitergeleitet. So eine Bewerbung hatte Russland schon 2001 gemacht, aber wegen Mangel an Information zur Herkunft des Lomonossow-Rückens und der Mendelejew-Platte wurde sie damals abgelehnt. Falls die neue Bewerbung akzeptiert wird, bekommt Russland 2013 das Recht auf eine Ausarbeitung der arktischen Fundstätten, darunter auch des KW-Stoffes auf einer Fläche von über einer Million Quadratkilometer.
Zur gleichen Zeit behauptet Dänemark, der Lomonossow-Rücken sei die Fortsetzung seiner Fläche. Im August 2007 führte das Land seine eigene Forschung in der Arktis durch, um Angaben für die UNO-Bewerbung zu sammeln. Den Ergebnissen zufolge zogen die dänischen Geologen den Schluss, der Lomonossow-Rücken die die Fortsetzung der Nordamerikanischen und Grönländischen Platte, aber nicht der Eurasischen, wie Russland behauptet.
Dennoch sind die meisten russischen Experten überzeugt, dass der hauptsächliche Kampf um die Polarressourcen sich in den nächsten Jahren zwischen Russland und Kanada entfaltet – da sie beide wirtschaftlich attraktive Gebiete beanspruchen. In diesem Fall kann Russland ein Übereinkommen mit Dänemark erreichen und somit seine Chancen auf Erfolg stärken. Die beiden Länder müssen zugeben, dass der Lomonossow-Rücken gleichzeitig Grönland und Sibirien fortsetzt; in diesem Fall kann Russland über die meisten Polarressourcen seine Kontrolle einzuführen.
Ende 2010 fand ein Treffen zwischen Russlands und Kanadas Außenministern statt. Sergej Lawrow stimmte Lawrence Cannon zu, dass Russland sich bei der Streitregelung um den Lomonossow-Rücken ans Seerechtsübereinkommen halten wird; dass man aber seine Rolle in der Arktis zu beschränken versucht, will es dabei nicht zulassen. Russland, so Lawrow, ist bereit, seine Interessen mit allen möglichen Mitteln zu verteidigen – inklusive Justiz, Diplomatie, Militär und Wirtschaft.
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