Die Erde wird von einer Welle Energie-Hunger überschwemmt. Die Anfrage an Energieträger wächst, es gibt immer weniger zugängliche KW-Stoffe und immer härtere Konkurrenz. Man ist gezwungen, Fundstätten zu entwickeln, die früher als ungünstig gegolten hatten. Nun schielen die Staaten nach dem größten Rohstoffhauptlager: der Arktis.
Der Klimawandel hat als allbekannt negativer Aspekt doch einige Vorteile erwiesen. Das schnelle Schmelzen des Polareises innerhalb der letzten Jahre gab den Weg zu der verborgenen Schatzkammer frei. Natürlich wurden auf diese Tatsache nicht nur die subarktischen Länder, sondern auch andere Staaten aufmerksam. Hier erhob sich die Frage: Wem gehört nun dieses Gebiet und wie wird seine Forschung geregelt?
Schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts stellte sich eine internationale Rechtsnorm zusammen, die das Polargebiet unter den subarktischen Ländern verteilte. Die Grenzen jedes Sektors waren die Meridiane vom Nordpol bis zum Ost- und Westufer des entsprechenden Landes.
Nach dem Entdecken neuer Fundstätten in der Arktis ertönten jedoch Aufforderungen, das Sektorenprinzip zu revidieren. Es wurde nicht einmal ins Seerechtsübereinkommen 1982 eingeschlossen, das Russland 1997 bestätigte. Dieses Dokument fixiert eine zwölf Meilen lange Zone der Küstengewässer. Für diese Zone gilt – sowie für Schoß, Boden und den Luftraum darüber – vollständige Souveränität des beiliegenden Staates. Noch 200 Meilen weiter spannt sich die Wirtschaftszone dieses Staates aus.
Der Meeres- und Ozeangrund und deren Schoß, die außerhalb dieser Grenzen liegen, werden als allgemeiner Nachlass der ganzen Menschheit erklärt. Also haben alle Staaten der Welt das Recht, dort ihre eigenen Naturressourcen zu entwickeln; jeder Staat kann bei der UNO darum werben. Die Staatsgrenzen stimmen dabei nicht mit den Polarsektorenlinien, sondern mit den Außengrenzen der Küstengewässer überein. Für Russland, Kanada und Dänemark wurde eine Zwölf- und für die USA eine Drei-Meilen-Grenze bestimmt. So wurde die Arktis internationalrechtsgesehen ein sog. Niemandsland; die Frage ihrer Verteilung ist bis jetzt noch nicht geregelt. Es steht nicht einmal fest, wer ein Recht auf sein Stück Arktis hat: nur die subarktischen Länder oder alle Staaten?
Allerdings meinen die ersteren – geografisch gesehen eigentlich mit Recht –die Arktis gehöre ihnen. Russland, die USA, Kanada, Norwegen und Dänemark versuchen die hervortretenden Probleme im Rahmen des Arktischen Rats zu lösen. Gleichzeitig hat jedes Land seine eigene Strategie für dieses strittige Gebiet entwickelt. Im September 2008 erschienen die „Grundlagen der russischen Staatspolitik in der Arktis“ und die Nordstrategie von Norwegen; im Winter 2009 die Arktische US-Doktrin und im Sommer 2009 die Nordstrategie von Kanada. Ein Teil der Festsetzungen stimmt bei allen vier Ländern überein. Die Arktis wird in erster Linie als strategische Ressourcenbasis anerkannt – sowohl für diese Staaten als auch für die ganze Welt. Außerdem hat jedes Land vor, Wirtschaft und Sozialsphäre zu entwickeln, die Umwelt zu schützen, die Regelungsprinzipien für den eigenen Polarsektor zu vervollkommnen und Forschungen durchzuführen. Bei jeder Arbeit sollen alle Konzerne bestimmte Regeln einhalten, die zum Abänderungseintragen zum Festlandsockelgesetz gehören, so die Vertreterin des Naturressourcenministeriums Darja Wassilewskaja:
„Zu einem starken Ansporn für die Gesetzüberprüfung wurde der Unfall im Golf von Mexiko. Dem Ausmaß nach ist das eine der schlimmsten mit Erdöl verbundenen Katastrophen. Sie bewegte die Gesellschaft und das Ministerium dazu, die Frage anders zu betrachten. Wir haben einen Gesetzentwurf vorbereitet, der schon in der Staatsduma ist und vermutlich bei der nächsten Sitzung bearbeitet wird. Dort wird vorausgesetzt, es gebe genug Mobilkraft und Mittel für die Entfernung der Folgen sowie Spezialfonds, die die Verluste finanziell entschädigen.“
Die russische Polarforschung wird hier in ein paar Etappen geteilt; unter anderem setzte sich Moskau das Ziel, die internationale Rechtsnorm für die russische Polarzone zu gestalten. Jetzt sammeln Expeditionen immer mehr Beweise dafür, dass der Lomonossow-Rücken die Fortsetzung des arktischen Festlandsockels ist. Die Dokumente werden in einer besonderen UN-Kommission vorgestellt. Moskau plant außerdem, das Wirtschaftssystem in diesem Gebiet und Infrastruktur sowie Kommunikationsleitung für die Nordostpassage umzubauen, um für Eurasien-Transit zu sorgen. Bis zu 2020 soll die Polarzone zur leitenden Ressourcenbasis Russlands werden.
Norwegens sog. Nordstrategie konzentriert sich hauptsächlich auf die Herstellung einer Wissenschaftsbasis für die Gebietserforschung. Dort werden bereits auf die Arktis bezogene Wissenschaftsprojekte ausgearbeitet, an denen russische Studenten und Wissenschaftler nach extra Programmen teilnehmen. In den internationalen Polarproblemen erhebt Kanada Anspruch auf die leitende Rolle. Im Außenministerium des Landes wird betont: Ottawa kontrolliert das Polargebiet sehr sorgfältig; alle Fragen und Streitigkeiten um die Grenzen werden aufgrund des Seerechtsübereinkommens geregelt.
Die US-Strategie steht wie immer separat. Die USA akzeptieren keine von den subarktischen Ländern vorgeschlagene Grenzenvariante. Ihr Ziel, sich die Polarfestlandsockel rechtsgemäß anzueignen, wird als Bedrohung der US-Nationalinteressen betrachtet. Obwohl Dänemark Mitglied der EU und der UNO ist, bleibt es das einzige Land, dessen Beziehungen mit den Bewerbern um die Arktis ausgeglichen wirken. Kopenhagen hält sich an Neutralitätspolitik und gilt deshalb als gesetzestreustes Mitglied des sog. Arktisstreites.
An die Seiten der Arktis-Verhandlungen schließt sich vermutlich auch Island an. Außerdem kann es für die anderen Staaten als eine Art Schlupfloch zur Arktis auftreten. Im Sommer dieses Jahres erhielt ein Unternehmer aus China 300 Quadratkilometer Land im Nordosten Islands; womöglich ist das Pekings erster Schritt beim Versuch, seinerseits um die Arktis zu werben. Dennoch sind die subarktischen Länder fest überzeugt, dass sie alle Fragen zur Entwicklung dieses Gebiets selbstständig regeln können. Dabei ergibt sich die Polarforschung als ein Wohl für alle – immerhin wandern die Rohstoffe dann auch in alle anderen Staaten.

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