Der „Südliche Korridor“ wurde für die Europäische Union zur fixen Idee. Sie entstand wegen Angst vor der Abhängigkeit vom russischen Rohstoff. Nach seinem Charakter ist er eine Art Sammelgestalt aller Gaslieferungsprojekte aus dem Kaspischen Region und Nahen Osten über die Türkei nach Europa. Das Prioritätsprojekt unter ihnen ist die Nabucco-Gasleitung. Obwohl es schon mehrere Jahre besprochen wird, geht die Verwirklichung dieses Projektes sehr langsam vor. Ein Grund dafür ist die Abwesenheit von Ressourcen für die Auffüllung der Gasleitung, sagt Konstantin Simonow, Generaldirektor des Fonds für energetische Sicherheit:
„Die Ereignisse des letzten Jahres beweisen, dass das Projekt eher tot ist, als lebendig. Deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Projekt noch existiert und wird nicht aus der Agenda der Europäischen Union gestrichen. Einige denken sogar, dass er verwirklicht wird. Wir wissen aber ganz genau, dass die Hauptprobleme dieses Projekts erhalten bleiben.“
Es handelt sich darum, dass Nabucco ursprünglich eine sehr breite Liste der möglichen Erdgaslieferanten betrachtet hat. Jedoch sind sie alle auf verschiedenen Gründen abgefallen. Der Iran, der über die zweiten weltgrößten bewiesenen Gasvorräte nach Russland verfügt, ist aus den politischen Gründen abgefallen. Die von der UNO festgestellten Sanktionen verbieten Investitionen in die iranische Gasindustrie und Verhandlungen mit dem iranischen Regime über Erdgaslieferungen.
Es gibt große Gasvorräte in Turkmenien – aber hier scheitert alles an juristischen Hindernissen. Ohne Zustimmung aller fünf Staaten des Kaspischen Meers kann keine Gasleitung auf seinem Boden verlegt werden. Russland und der Iran sind entschieden gegen dieses Projekt. Es wurde sogar Ägypten in Betracht genommen – im „arabischen Frühling“ hat aber auch dieses Land ins politische Chaos gestürzt. Es gibt ein Szenario mit dem Irak. Die Teilnehmer des Projektes rechnen hier mit der Gaslieferung von 15 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Die irakischen Erdgasvorräte sind mit den kasachischen und usbekischen vergleichbar, aber eine vollwertige Gaserzeugung in diesem Land wurde sogar unter Saddam Hussein nie geführt. Deshalb kann hier keine Rede vom Wiederaufbau des Gaspotentials sein, sondern von seiner Bildung vom Nullpunkt auf. Darüber hinaus, bleiben im Irak riesige politische Risiken erhalten. Die Experten denken über die Möglichkeit nach, dass das Land in sunnitischen, schiitischen und kurdischen Teile zerfallen kann. Außerdem ist im Land die al-Qaida sehr aktiv, die versprochen hat, 100 Terroranschläge als Antwort auf die Liquidation von Osama bin Laden, der im Mai in Pakistan getötet worden ist, vorzunehmen.
Im Endergebnis ist nur Aserbaidschan geblieben, wofür ein echter Kampf beginnt. Die Gasleitungsprojekte im Rahmen des „Südlichen Korridors“ fangen an, gegeneinander zu kämpfen, indem sie ihre Rechte auf das aserbaidschanische Erdgas bestreiten, meint Konstantin Simonow:
„Um dieses Erdgas bewerben sich noch zwei Erdgasleitungsprojekte – das ITGI-Projekt (die Türkei, Griechenland und Italien) und TAP (Trans-Adriatische Gasleitung). Diese Projekte reichen eigentlich aus, um das aserbaidschanische Erdgas auf den europäischen Markt zu bringen. Ohne zu berücksichtigen sogar, dass Russland bereit ist, all dieses Gas zu viel günstigeren Preisen zu kaufen. Aserbaidschan hat bisher keine Entscheidung getroffen, es versucht zu handeln und nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Konzessionen zu bekommen."
Die geplante Gesamtkapazität dreier Rohrleitungen des „Südlichen Korridors“ beträgt ca. 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Doch verfügt Aserbaidschan übersolche Vorräte? Mit den Informationen über Gaserzeugung im Land ist die Situation ungenügend transparent. Nach offiziellen Angaben des Komitees für staatliche Statistik Aserbaidschans, wurde in 2010 insgesamt 27 Milliarden Kubikmeter Gas erzeugt. Zum Jahr 2020 plant Baku, diese Zahl um das Doppelte zu vergrößern. Aber zu behaupten, dass das aserbaidschanische Erdgas ein ernster Faktor Gasgleichgewichtsbildung in Europa ist, ist in der langfristigen Aussicht sinnlos.
Europa kann nur mit dem zweiten Stadium des Schach-Deniz-Projektes rechnen – Hauptgasfeld Aserbaidschans. Dieses Stadium sieht aber eine größere Tiefe des Meeres und einen viel mehr entfernten Horizont der Gaslagerung voraus, als das erste. Die Kosten sind sehr hoch 20 bis 22 Milliarden Dollar. Die Konsortiumteilnehmer haben zuerst geplant, den Schach-Deniz II in 2012 anzufangen. Später wurde der Termin vorläufig auf 2017 verschoben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er noch verschoben wird, so dass die Mengen von 16 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erst in 2025 erreicht werden können. Inzwischen ist heute weder ein technisches Entwicklungsmodell, noch gesellschaftliche Bedingungen der zukünftigen Lieferungen festgelegt worden.
Wenn man kein Gas für die Auffüllung der Rohrleitung hat – hat man auch keine Verträge mit den Käufern. Und das bedeutet keine Kredite von den Banken für die Verwirklichung des Projekts. All diese Problemen hat heute Nabucco und seine europäischen Konkurrenten. Aber die Gasabwesenheit ist noch nicht alles. Alle drei Gasleitungsprojekte fangen in der Türkei an, die kein Lieferant, sondern ein störrisches Transitland ist. Europa vergrößert also die Transitbedeutung der Türkei ernsthaft, die schon mehrfach erklärt hat, dass sie für berechtigt hält, das Thema des Gastransits mit der EU-Mitgliedschaft zu verbinden.
Außerdem braucht man für die Realisierung des „Südlichen Korridors“ eine enge Kooperation zwischen den Teilnehmern, von denen mächtigen Investitionen in Erdgasleitungsprojekte gefordert werden. Die Investitionen gibt es nicht. Der „Südliche Korridor“ genießt eine mächtige politische Unterstützung, aber er hat keine Ressourcen und keine sicheren Finanzierungsquellen. Er ist mit großen Transitrisiken verbunden. Außerdem, fangen die Projekte des „Südlichen Korridors gegeneinander vorzugehen. All das verringert die Chancen auf Erfolg.
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