Wir setzen unser Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor der Gesellschaft „Arktis und Weltozean“, dem Leiter des Labors „Schelf“ an der russischen staatlichen Universität für Erdöl- und Erdgasförderung Prof. Wassilij Bogojawlenskij.
Voriges Mal sind wir bei den Zahlen der Erschließung des arktischen Festlandsockels stehen geblieben. Verlauten Sie diese, bitte. Die Zahlen wirken ja so überzeugend.
Bogowjawlenskij: "Ich würde keine konkreten Zahlen nennen, weil es langweilig ist, sich diese anzuhören. Die faktische Erschließung des arktischen Festlandsockels wurde 1986 auf der Halbinsel Alaska gestartet. Es handelt sich um eine Zone, wo eine der weltweit größten Vorkommen erschlossen wurde. Es heißt Pradho-Bay. Es hat auch mehrere Begleitungsvorkommen, die sich weiter auf den Festlandsockel erstrecken. Es sind also neun Erdöl- und Erdgasvorkommen insgesamt. Ein weiteres Vorkommen wird bereits seit vier Jahren in der Barentssee in den norwegischen Hochheitsgewässern erschlossen. Es heißt Snevit, was so gut wie Schneewittchen übersetzt werden kann. Und dazu kommt auch ein russisches Vorkommen in dem Tasbusen."
Wo das Wasser süß ist, wie ich es mir vorstelle.
Bogojawlenskij: "Das stimmt. Es geht um 40 bis 50 km breite Golfe, deren Küste man nicht immer sehen kann. Diese Gewässer gehören im Prinzip zur Karasee, obwohl ihr Wasser süß ist.
Dort wurde 2003 die Erschließung eines Vorkommens gestartet, das gleichzeitig zu Lande und auf dem Grund des Tasbusens liegt. Fast 90 Prozent der Bodenschätze lagern unter dem Wasser. In diesem Fall kann man das Feld ein Meeresvorkommen nennen.
Es heißt Jurcharowskoe und wird von der Gesellschaft Nowatek erschlossen, die von Jahr zu Jahr ihre Fördermengen steigert. Diese übertreffen die restliche Förderung auf dem Festlandsockel weltweit."
Welche Gründe dafür können sie anführen?
Bogojawlenskij: "Der erste Grund dafür ist, dass Russland über reiche Gas- und Ölfelder verfügt. Es geht um nördlichen Teil Westsibiriens. In dieser Region wurde eine ganze Reihe von seltenen Vorkommen entdeckt. Auf solche stößt man auch im Ausland, aber Russland ist ihnen besonders reich.
Zu solchen seltenen Vorkommen kann auch das Jurcharowskoje-Feld gezählt werden. Seine Vorräte belaufen sich auf bis zu 450 Mrd. Kubikmeter. Dazu kommen noch 30 Mio. Tonnen Flüssiggas. Also, das Vorkommen ist wirklich groß."
Ich glaube, diese Zahlen beindrucken auch nicht Sachverständige. Der Reichtum des russischen Nordens kann nicht mit den Vorräten anderer Regionen verglichen werden. Und gerade darin besteht meiner Meinung nach eine der Besonderheiten dieses Reichtums. Allerding ist die arktische Region sehr empfindlich, weil ihre Eisdecke immer weiter schmilzt. Hier tauchen schon ökologische Herausforderungen auf. Auch die Probleme, die mit dem nördlichen Seeweg zu tun haben, sind damit verbunden.
Bogojawlenskij: "Ich stimme Ihnen völlig zu. Die Förderung auf dem nördlichen Abhang Alaskas nimmt Rücksicht auch auf diese Aspekte. So werden dort schiefe und horizontale Löcher gebohrt. Diese Technologie ist eine der umweltfreundlichsten."
Und bei uns bohrt man hauptsächlich senkrechte Löcher?
Bogojawlenskij: "Es geht nicht darum, wie man bohrt, sondern darum, welche Technologien man einsetzt. In der eisigen Arktis braucht man oft leistungshohe Konstruktionen, die einer dicken Eisdecke standhalten können.
Die Plattform „Prilaslomnja“ ist in diesem Fall eine erfolgreiche Lösung. In der nächsten Zeit wird sie in Betrieb genommen. Am sichersten wäre es aber, vom Lande aus horizontal zu bohren.
Dutzende solche Löcher wurden seinerzeit auf Sachalin gebohrt. Manche auch im Tasbusen. Deswegen hat sich Nowatek für innovative und bahnbrechende Technologien entschieden, die der Umwelt einen geringen Schaden zufügen."
Ich höre aber nicht so oft, dass diese Technologien so umweltfreundlich sind. Welche weiteren Risiken bestehen für die Arktis, wenn man ihre dünne Eisdecke bedenkt? Wie beeinflusst der Klimawandel die Atmosphäre der Region insgesamt? Dort leben doch Menschen, es werden Kommunikationsleitungen verlegt und Infrastrukturobjekte errichtet, die ziemlich schwer sind. Auch die Eisbrecher kommen zum Einsatz.
Bogojawlenskij: "Jede Einmischung des Menschen birgt in sich eine gewisse Gefahr. Es liegt also an dem Ausmaße der Einmischung. Wenn diese einzelne Polarforscher auf ihrem Weg zum Nordpol sind, dann ist der Schaden sehr gering."
Wenn es sich aber um Eisbrecher handelt, die unterschiedlichste Routen zu unterschiedlichsten Zwecken befahren, ist dann der Schanden ziemlich bedeutend. Die natürlichen Prozesse werden dann beschleunigt und das arktische Eis schmilzt schneller.
Dies kann man sich offensichtlich nicht ersparen. Die Begleitung eines Eisbrechers ist aber auf dem nördlichen Seeweg unentbehrlich, der um 34 Prozent die Route zwischen Nordeuropa und China verkürzt.
Bogojawlenskij: Der nördliche Seeweg ist zweifelsohne kürzer als der südliche. Auch sicher, wenn man Piraterierisiken mit einbezieht. So kann man auf kostspielige Begleitung von Kampfschiffen verzichten. Diese Ausgaben im Süden sind mit denen für Eisbrecher vergleichbar.
Ihre chinesischen Kollegen haben vor kurzem behauptet, dass eine regelrechte Benutzung des nördlichen Seeweges nach wie vor unmöglich ist, weil der Mensch noch nicht über die Technologien verfügt, die die Beförderung wirtschaftlich berechtigt machen würden. Welche Fristen können Sie in diesem Zusammenhang nennen? 2020? 2030? Oder sind Sie optimistischer gestimmt?
Bogojawlenskij: "Den Chinesen kann man zustimmen und nicht zustimmen gleichzeitig. Die Sache ist die, dass Russland noch viele Vorkommen im Innenland hat und ohne die Förderung auf dem arktischen Festlandsockel noch lange auskommen kann.
Deswegen würde ich die wenigen Verspätungen, die bei der Umsetzung der Prilaslomnyj und Schtokman-Projekte entstanden sind, eher als positiv bewerten. Wir haben es in dieser Hinsicht nicht eilig. Lieber sind wir vorsichtig, indem wir die besten Technologien auswählen."
Habe ich Sie richtig verstanden? Eine Verschiebung der strategischen Gewinnungsorte, die eine neue Orientierung der Güterströme zwischen Europa und Asien zur Folge haben wird, für uns von wenigem Belang ist. Denn wir haben ausreichende Beförderungkapazitäten im Innenland sowie auf hoher See.
Bogojawlenskij: "Ich habe hauptsächlich von Öl- und Gasförderung gesprochen. Den Nördlichen Seeweg an sich kann man wohl benutzten. Da bin ich mit den Chinesen nicht einverstanden, denn wir haben ihn auch früher benutzt. Und werden auch künftig benutzen, wenn es keine Abkühlung gibt."
Meinen Sie eine Klimaabkühlung? Nun sprechen alle von einer Klimaerwärmung. Aber wir begreifen, dass sie nur ein Teil der globalen klimatischen Prozesse ist. Ein weiteres Thema wäre der moralische Preis, den der Mensch für seine Einmischung in die fragilen Regionen wie die Arktis zahlen muss.
Bogojawlenskij: "Wir haben kaum ein einziges Wort darüber verloren, was die Arktis eigentlich ist. Die Arktis ist doch nicht nur Gewässer, sondern auch Festland. Auf dem Festland arbeiten wir seit Langem und konnten bisher Katastrophen vermeiden, obwohl manchmal zu lokalen Schwierigkeiten kommt, sagen wir mal so. Und der Sockel wird schrittweise die Vorkommen auf dem Festland ablösen."
Das ist also eine langfristige Aufgabe?
Bogojawlenskij: "Ja! Und unsere Richtung ist da die richtige."
Welche Partner hat Russland bei der Erschließung der Arktis? Wer sucht eine solche Zusammenarbeit mit Russland?
Bogojawlenskij: "Alle größten ausländischen Unternehmen suchen sie. Auch viele russische Gesellschaften würden mittun, darunter auch Lukoil. Ich möchte den Mitarbeitern dieses Unternehmens gratulieren, denn sie haben vor drei Tagen eine Lizenz zur Förderung auf dem norwegischen Festlandsockel erhalten, sowohl dem südlichen in der Nordsee und dem Norwegischen Meer, als auch dem Nördlichen in der Barenzsee."
Eine solche hochtechnologische Förderung ist ohne internationale Partnerschaften wohl unmöglich. Was würden Sie dem Satz „Die Arktis ist das Territorium eines Dialogs“ hinzufügen?
Bogojawlenskij: "Konfrontation oder Zusammenarbeit. Wir wählen das letztere aus."
Das war ein Interview mit dem stellvertretenden Direktor der Gesellschaft „Arktis und Weltozean“, dem Leiter des Labors „Schelf“ an der russischen staatlichen Universität für Erdöl- und Erdgasförderung Prof. Wassilij Bogojawlenskij.
Den Text und den Ton dieses Beitrags finden sie hier.
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