Laut offiziellen Berichten hat der russische Konzern Gazprom im ersten Halbjahr 2011 sehr gute Exportergebnisse erzielt. Die Auslandslieferungen sind um 11 Milliarden Kubikmeter gewachsen. Und obwohl man noch nicht die Rekord-Zahlen von 2008 erreicht hat, es ist ganz und gar möglich, wenn die Abnahmen nach bestehenden Verträgen bis zum Winter unverändert bleiben. Dabei steigen die Gaspreise das ganze Jahr hindurch, und laut dem Gazprom-Chef Alexei Miller werden sie im vierten Jahresquartal knapp 500 US-Dollar je 1000 Kubikmeter Erdgas erreichen. Wie die Zeitungen berichteten, sollte es Gazprom gelingen, deine positive Entwicklung der Gasexporte und den Gaspreis bei 500 US-Dollar je 1000 Kubikmeter aufrechtzuerhalten, so würde man von einer Überwindung der Krise in den russischen Erdgaslieferungen nach Europa sprechen können.
Die Lage erläutert der der Vorsitzende der Abteilung für Gasmärkte am Institut für Energiewirtschaft und Finanzen Wladimir Rewenkow:
„Ich würde nicht sagen, dass es eine Krise in den russischen Energie-Lieferungen nach Europa gegeben hat. Bekanntlich gab es ja die Weltwirtschaftskrise von 2008-2009, als das Tempo des Wirtschaftswachstums in der ganzen Welt und insbesondere in Europa zurückgegangen ist. Dies betraf auch das Erdgas-Geschäft. 2008-2009 verringerte sich der Gasverbrauch europaweit um 6 Prozent. Deswegen war Gazprom und unsere auf den Westen orientierten Exportleitungen gezwungen, ihre Erdgaslieferungen zu kürzen, weil die Nachfrage zurückging. Es sei hier desweiteren bemerkt, dass auch die grundlegenden Faktoren, welche Gaspreise auf den Märkten des freien Börsen- und Direkthandels dramatisch gestürzt sind. Im Vergleich zu den Preisen, die je nach Preisformel in langfristigen Verträgen gebildet werden, waren sie dann weit voran. Dies hatte Spannungen und Widersprüche zur Folge, die zwischen Gazprom und den wichtigsten Einfuhr-Unternehmen Europas entstanden. Dieses Problem bleibt bis jetzt bestehen, obwohl das Missverhältnis etwas geschrumpft ist. Aber ich möchte betonen, dass die Gas- und Energiemärkte eine sehr bewegliche Substanz darstellen. 2010 konnten wir die Krise lange nicht überwinden, und die Gas-Nachfrage stieg an. Angesichts der Winternachfrage stiegen auch die Preise an den so genannten Spot-Märkten an. Dabei wurde der Unterschied zwischen den Preisen praktisch bis auf Null gebracht, was die Krise in den beiderseitigen Beziehungen der Energielieferanten und –Abnehmer etwas gedämpft hat. Jetzt, im ersten Halbjahr allerdings können wir beobachten, dass trotz der Wiederherstellung der allgemeinen Energieträger- und Erdgas-Nachfrage in Europa, die zu Beginn des Sommers zu verzeichnen war, die Nachfrage im Gegenteil zurückgeht. Dabei blieb das Angebot mit unveränderten intensiven Strömen unverändert, wie es sonst für diese Region gedacht ist. Deswegen konnte man im April, Mai und Juni eine Tendenz zur Diskrepanz in den Preisen der beiden verschiedenen Liefersystemen in dieser Region.“
Es gehe vor allem um langfristige Verträge, wo die Preise an Erdöl und Erdölerzeugnisse gebunden sind. In diesen Preisformeln werde das Verhältnis zwischen Öl- und Gaspreis im gleichen Energie-Äquivalent in Höhe von 70 Prozent gewährleistet, erinnert Wladimir Rewenkow:
„Um unsere Situation abzuheben, möchte ich darauf hinweisen, dass der Überangebot im Moment besonders brisant in den USA zum Vorschein kommt, was mit der sogenannten Schiefer-Revolution zu tun hat. Dabei handelt es sich im Grunde um die Entwicklung der Technologien zur Erdgasförderung in schwierigeren geologischen Verhältnissen. In Amerika, wo neue Technologien wie Hydraulic Fracturing oder geneigt-waagerechtes Bohren eingesetzt werden, die es erlauben, immer neue Schichten zu erschließen, kam es zu einem Gasüberschuss, wobei der blaue Treibstoff immer billiger wurde, auch im Vergleich zum Erdöl. Während Anfang 2000-er Jahre der Gaspreis 70 bis 65 Prozent des Ölpreises ausmachte, liegt nun dieses Verhältnis bei nur 30 Prozent. Dies ist das Ergebnis eines Überangebots. Zu derartigen Preisbildungs-Prozessen führt also das Missverhältnis der Gaslieferungen in Bezug auf Angebot und Nachfrage.“
Was den Richtpreis des russischen Erdgases in Höhe von 500 US-Dollar für 1000 Kubikmeter betrifft, so belaufe sich der Preis im Rahmen der langfristigen Verträge über russische Lieferungen nach Europa auf ca. 430 US-Dollar, meint Wladimir Rewenkow:
„Wie der Preis gebildet wird? Der entsteht aus dem Vertragsreis, der mit einer Zeitverschiebung von neun Monaten nach der Reduktion der Preise für Ölerzeugnisse – Heizöl und Dieselöl - angeglichen wird. Die Preise sind je nach Land und Vertrag unterschiedlich und sind ein Geschäftsgeheimnis. Aber diese Abhängigkeit, die in derartigen langfristigen Verträgen festgelegt wird, garantiert für die Vorhersagbarkeit der Preise. So können wir den Gaspreis zum Beispiel für dieses Jahr prognostizieren, weil wir ja solche Krisen-Erscheinungen beobachtet haben, wie politische Instabilität in den Nahost- und in nordafrikanischen Ländern, Naturkatastrophen in Japan und die Fukushima-Explosion. Alle genannten Ereignisse führten dazu, dass die Ölpreise auf den Weltmärkten schnell aufwärts gingen und sich im ersten Halbjahr 2011 auf über 100 US-Dollar je Brent-Barrel beliefen. Brent ist eine der wichtigsten Erdölsorten, nach der wir uns richten. Deswegen kann man sagen, dass Ende dieses Jahres der russische Erdgaspreis in langfristigen Verträgen etwa 430-450 US-Dollar betragen – falls es keine unerwarteten Preiskorrekturen auf den Weltölmarkt geben wird. Heute richten sich Investoren in ihrer Aktivität am Wertpapiermarkt nach solchen Unternehmen wie Gazprom. Zum Beispiel, kann man im Moment sehen, dass der Börsenaktivitäts-Index am Gazprom-Wertpapiermarkt drastisch zurückgegangen ist. Das hat damit zu tun, dass die Investoren eine Ölpreiskorrektur bis auf das Vorkrisen-Niveau von, sagen wir, Dezember oder November vorigen Jahres. Deswegen sind 500 US-Dollar etwas zu viel, wenn auch nah dran. Aber, wie gesagt, wenn es keine Berichtigungen und keinen dramatischen Ölpreis-Rückgang gibt. Sollte es in der Welt Veränderungen geben, die sich auf den Ölpreis negativ auswirken würden, so werden wir die 500 in langfristigen Verträgen nie erreichen. “
Hier muss man berücksichtigen, dass im vergangenen Frühling und im letzten Sommer sehr lebhaft die Gerüchte über Konflikten und Reibungen zwischen Gazprom und ihren traditionellen deutschen Partnern in der Gasbranche besprochen wurden. Laut Wladimir Rewenkow, kam es tatsächlich zu solchen Reibungen:
„Die Sache ist die, dass auf den deutschen Handelsplattformen – von denen sich in Deutschland ja gerade die zwei Größten befinden – Erdgas zum Ausgleich für 330 US-Dollar je 1000 Kubikmeter verkauft wird, während E.ON Ruhrgas im Moment 450 US-Dollar für die gleiche Menge nach dem bestehenden Vertrag zahlt. Und dieser Unterschied in Höhe von 100 Dollar vermittelt den Unternehmen gewisse Anregungen. Aber sie können ja nicht an diesen Spot-Markt gehen, denn sie wissen, dass sie nicht genug Gas zu niedrigen Preisen bekommen würden. Das ist eben die Pointe. Deswegen besteht da schon ein Konflikt. Der Preisunterschied nach zwei Systemen zwingt Gazprom Zugeständnisse einzugehen und das tat der Konzern auch: Für die Preisformeln wurden Elemente der Liberalisierung eingeführt, die den Abnehmern erlaubten, einen bis zu 15-prozentigen Teil des im Rahmen der langfristigen Verträge gelieferten Erdgases zu Börsenpreisen – also, um die genannten 100 US-Dollar – zu kaufen. Doch dadurch konnte die Lage nicht geändert werden.“
Wie Wladimir Rewenkow aus dem Institut für Energiewirtschaft und Finanzen bemerkt sei die Wiedersprüche zwischen Gasverkäufer und -abnehmer in ständiger Dynamik begriffen. Dabei könne Gazprom als traditionelle Partnerin europäischer Energie-Unternehmen zum Beispiel vollberechtigt an den Gasversteigerungen teilzunehmen, um Kapazitäten zu reservieren und die saisonbedingte Belastungshöhen auszugleichen.
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