Die Europäische Union ist auf der Suche nach verlässlichen Erdgasquellen für den „Südlichen Korridor“ mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert. So gibt es leider zu wenig aserbaidschanisches Gas, auf das die Europäer doch so sehr gezählt hatten. Im Verlauf des nächsten Jahrzehnts ist die Aussicht auf Steigerung der Fördermengen durch die kaspische Schelflagerstätte Shah-Deniz mit 16 Milliarden Kubikmetern äußerst bescheiden.
Die Wahrscheinlichkeit, bis zum Jahr 2020 in das zweite Stadium der Ausbeute der Lagerstätte überzugehen schätzen Experten als sehr niedrig ein. Denn diese Phase wird technisch komplizierter und finanziell aufwändiger sein. Mit dem ganzen Volumen wird man erst gegen 2025 rechnen können. Jedoch ist die endgültige Investitionsentscheidung über das aserbaidschanische Shah-Deniz-Feld bis jetzt noch nicht gefallen.
Mehrere andere Erdgasquellen sind praktisch nicht zugänglich. Iran ist mit Sanktionen belegt. In Ägypten wird es in nächster Zeit nicht möglich sein, ernsthaft über neue Gaslieferverträge zu verhandeln. Irak braucht sein Gas vor allem für den eigenen Verbrauch.
Es bleibt also nur Turkmenistan, das im Unterschied zu Aserbaidschan schon zu Sowjetzeiten ein traditioneller Dreh- und Angelpunkt der Gasförderung war. Aber auch hier gibt es genügend Stolpersteine. Turkmenistan ist ein nach außen extrem abgekapseltes Land, es gibt keine zuverlässigen Daten über den Zustand der Öl-und Gasindustrie. Die turkmenische Regierung spricht von fast unermesslichen Vorräten und über Vorhaben, die Jahresförderung auf mehr als 120 Milliarden Kubikmeter hochzuschrauben. Inwieweit diese Prognose realistisch ist, bleibt unklar. Die traditionellen Förderstätten haben den Zenit ihrer Förderkapazität schon überschritten, und die neuen Projekte bedürfen umfangreicher Investitionen.
Das Hauptproblem jedoch liegt woanders. Um Turkmenistan nämlich in das Projekt „Südlicher Korridor“ mit einzubinden, muss man erst eine Verbindung zu Aserbaidschan schaffen. Also ist es notwendig, eine Gaspipeline auf dem Boden des Kaspischen Meeres zu verlegen. Aber der Rechtsstatus des Kaspischen Meeres ist bis heute zwischen den fünf Anrainerstaaten nicht geregelt. Russland und Iran haben schon ihren Widerspruch gegen den Bau der Gaspipeline ausgesprochen, da diese dem kaspischen Ökosystem einen dauerhaften Schaden zufügen könnte. Solange der Rechtsstatus der See nicht geklärt ist, sind alle Diskussionen sinnlos. Davon geht der Politologe und Generaldirektor der „Stiftung für effektive Politik“ Kirill Tanaew aus:
Es geht um eine Pipeline, die das berühmt-berüchtigte Projekt „Nabucco“ mit Gas versorgen soll. Ich würde diese Verhandlungen mit großer Vorsicht und Skepsis genießen, da das Konsortium, welches „Nabucco“ zu bauen beabsichtigt, noch nicht die nötige Finanzierung sichergestellt hat. Das Projekt stockt, es gibt viele juristische, rechtliche, finanzielle und andere Unstimmigkeiten, die Verhandlungen sind noch nicht mit allen Staaten zu Ende geführt, durch die das Gas fließen soll. Deshalb sind die Verhandlungen über einen möglichen Bau der Transkaspischen Gaspipeline unter Beteiligung von Aserbaidschan und Turkmenistan nur leere Worte.“
Es gibt noch ein Problem Für die EU, die Anspruch auf das turkmenische Gas erhebt, gibt es ernsthafte Konkurrenz. Erstens ist das China, denn China muss eben nicht erst komplizierte Rechtsfragen klären. Während in Europa das Projekt „Südlicher Korridor“ präsentiert wurde, baute China in kürzester Zeit eine Gaspipeline, welche eine Verbindung zu Zentralasien herstellt. Im Dezember 2009 wurde der erste Teil der Fernleitung aus der kaspischen Region in Betrieb genommen. Die Pipeline mit einer Länge von 3600 Kilometern erstreckt sich von der Lagerstätte Baktyjarlyk am rechten Ufer des Amudarja in Turkmenistan bis zur Stadt Horgos im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang in China. Innerhalb eines Jahres nahm zusätzlich zu einer Kompressorstation in Kasachstan eine zweite, parallele Pipeline die Arbeit auf. Der Durchsatz des Systems erhöhte sich auf 15 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. In Zukunft ist geplant, dank zusätzlicher Kompressorstationen die Gaspipeline aus Turkmenistan auf eine Gesamtkapazität von 30 Milliarden Kubikmetern zu bringen.
Außer China hat die Europäische Union noch andere Konkurrenten. Zum Beispiel laufen aktive Verhandlungen in Bezug auf die Gaspipeline Turkmenistan – Afghanistan – Pakistan – Indien, welche, was das Volumen betrifft, mit dem europäischen Projekt „Südlicher Korridor“ gleichziehen kann.
Außerdem gilt es nicht zu vergessen, dass Russland mit Turkmenistan schon seit Sowjetzeiten mit einem Gastransportsystem verbunden ist. Auf einem anderen Blatt steht, dass aufgrund eines Einbruchs der Nachfrage an russischem Gas in den Jahren 2009-2010 der Aufkauf von turkmenischem Gas zurückgefahren wurde. Aber technische und juristische Probleme gibt es beim Transport turkmenischen Gases nach Russland nicht.
Brüssel und Washington drängen Aschgabat und Baku dazu, sich in ihren Positionen anzunähern, obwohl das turkmenische Gas unbedingt Konkurrenz zum aserbaidschanischen darstellt und somit die potentiellen Bedingungen verschlechtert, zu denen die Europäer das Gas aufkaufen könnten. Außerdem hetzt der Westen Aserbaidschan und Turkmenistan gegen einflussreiche Anrainerstaaten des kaspischen Meeres auf, indem er sie überzeugen will, die Unterwassergaspipeline zu realisieren. Dies führt zu einer merkbaren Verschärfung der politischen Lage am Kaspischen Meer, und bringt so Europa keineswegs dem verlockenden turkmenischen Gas näher.
Es stellt sich also die einfache Frage: muss man denn unbedingt einen Streit vom Zaun brechen, nur um das Projekt „Südlicher Korridor“ durchzusetzen? Heute befindet sich zudem ein anderes, ökonomisch gerechtfertigtes Projekt in der aktiven Phase: „South Stream“. Diese Leitung ist vollständig durch die reichen russischen Gasreserven gedeckt. Außerdem haben Iran, Irak und Syrien beschlossen, ihrerseits eine Fernleitung vom South-Pars-Gasfeld nach Europa zu bauen. Mit anderen Worten: die europäische Energiesicherheit wird auch ohne den „Südlichen Korridor“ nicht in Gefahr sein, und die Diversifizierung der Gaslieferungen, die die EU derart aktiv zu erreichen suchte, wird „die Alte Welt“ auch so ohnehin bekommen.
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