In den nächsten Jahrzehnten ist kein Überfluss des billigen Erdgases auf dem europäischen Markt zu erwarten. Die Gaspreise in Europa haben in den letzten Jahren immer gesunken: die Nachfrage schrumpfte, das Erdgas wurde durch Atomenergie und alternative Energiequellen ersetzt, ganz zu schweigen von der wesentlich erhöhten Konkurrenz unter den Herstellern. Die Welle der „Atomrenaissance“ zerschlug sich aber gegen die japanische Fukushima-Tragödie, und der Wind und die Sonne können ohne Hilfe des Atoms den Energiebedürfnissen Europas nicht nachkommen. Die Meinung von Analysten ist eindeutig: wie immer Brüssel nach Minimierung der Gaseinkäufe in Russland strebt, sind die EU-Länder in übersehbarer Zukunft auf Erdgaslieferungen aus Russland angewiesen.
Der Optimismus von den westlichen Experten beruhte nicht nur darauf, dass der Markt von den Nicht-Kohlenwasserstoff-Energiequellen erobert wurde. In Europa verbreitete sich immer mehr der Spothandel, d.h. der Börsenhandel aufgrund der kurzfristigen Verträgen. Dadurch entstand die Idee der „Neuen Realität“ im Bereich Erdgas. Die Gaspreise in den langfristigen Verträgen sind ja auf Erdöl- und Erdölproduktpreise angewiesen, während auf dem Spotmarkt das Erdgas als eine autonome Ware gilt. All das erzeugte den Mythos, dass die langfristigen Vereinbarungen bald in Vergessenheit geraten, und der europäische Markt für mehrere Jahre mit billigem Erdgas überfüllt wird.
Es ist zu bemerken, dass die optimistischen Prognosen in 2009-2010 auch durch ein einzigartiges Zusammentreffen günstiger Umstände bekräftigt wurden. Das war vor Allem ein Gasverbrauchsrückgang wegen der Wirtschaftskrise. Zweitens, war das der Überfluss vom Flüssigerdgas aus Katar. Dieser entstand auch auf einem einzigartigen Grund: Katar fing an, mehrere große Erdgasbetriebe für Gaslieferungen in die USA zu bauen. Da wurde eine umfassende Schiefergasausbeute begonnen, und Katar konnte nicht umhin, sein Erdgas auf dem europäischen Markt abzusetzen, was die Illusion einer langen Zeit der extra niedrigen Preise erzeugte (zurzeit ist das Programm Katars eingefroren). Diese Illusion wurde außerdem von Norwegen bekräftigt, das den europäischen Markt durch Gaslieferungen zu niedrigen Preisen zu erobern versuchte. In der EU erinnerte sich damals niemand daran, dass die nachgewiesenen Erdgasvorräte in Norwegen schon zum Jahrzehntende versiegen können.
Immerhin war ein Überangebot auf dem europäischen Erdgasmarkt wirklich zu spüren: im Laufe des Jahres 2010 waren die Gaspreise auf den Handelsplattformen manchmal zweimal niedriger, als in den langfristigen Verträgen des russischen Konzerns Gazprom. Das bewegte die Partner des russischen Gasgiganten die Gaslieferungen aus Russland zu verringern und die Einkäufe auf dem Spotmarkt zu steigern.
Im Jahr 2011 schlug aber das Pendel zurück. Gegen die Europäer spielte eine Reihe von Faktoren. Erstens, war das der „arabische Frühling“, der die Möglichkeiten mehrerer Staaten Nordafrikas und Nahes Osten, den Gaslieferungsvorhaben nachzukommen, unter Zweifel stellte. Zweitens, war nach den Fukushima-Ereignissen die „Atomrenaissance“ zu Ende, und die Atomenergie hatte bis daher als eine Alternative für Kohlenhydrate gegolten. Und drittens, stellte die Haushaltskrise in der EU die Entwicklungspläne der erneubaren Energiequellen unter Gefahr, die ja riesige Finanzspritzen benötigen. Die Europäische Union – und vor Allem der europäische Marktführer auf dem Gebiet der erneubaren Energie – Deutschland – hat heute über die Rettung der südeuropäischen Länder nachzudenken, deren Budgetdefizit mit einem Einbruch der ganzen europäischen Wirtschaft droht.
Im Ergebnis nimmt der Erdgasverbrauch in der EU wieder zu, und dieser Trend findet mittlerweile kein Ende. Das Erdgas ist doch die reinste der fossilen Brennstoffe. Und im gesellschaftlichen Bewusstsein sieht es viel sicherer aus, als die Atomenergie. Außerdem ist das Gas billiger und zuverlässiger, als die erneubaren Energiequellen – was fürs Wirtschaftswachstum wichtig ist – und umweltfreundlicher als Erdöl und Kohle. Schließlich reichen die Erdgasvorräte für langfristige Planung der Energiebilanz auf Jahrzehnte hinaus. Unter diesen Umständen bekommen die Energievorhaben wie das vor kurzem gestartete deutsch-russische Projekt Nord Stream eine strategische Bedeutung, so Sergej Prawosudow, Generaldirektor des Instituts für Nationale Energetik:
"Die Gaslieferungen nach Europa muss man steigern, weil der Gasverbrauch sich erhöht und die Gasproduktion verringert. Aufgrund dessen wächst der Import. Wir sehen ja, welche Situation sich in der Welt gestaltet. Die Atomenergetik hat sich als nicht zuverlässig gezeigt und wird dementsprechend durch Gasenergie ersetzt. Die Letztere erweist sich außerdem als die günstigste und umweltfreundlichste Energiequelle. Möglicherweise, werden die Alternativen doch gefunden, aber es gibt nicht viele davon. Russland besitzt die weltgrößten Erdgasvorräte, es ist der nächste Nachbar Europas und liefert mehr Gas als alle anderen. Die Lieferungen werden klar nur gesteigert."
Heute haben wir kein ernsthaftes Szenario des Gasverbrauchsrückgangs sogar zum Jahr 2020. Man kann über Wachstumsraten streiten, doch dass die EU immer mehr Erdgas verbrauchen wird, versteht man auch in Brüssel. Nach Schätzungen des internationalen Erdgaszentrums Cedigaz wurde im Jahr 2010 um 7,5 Prozent mehr Erdgas in Europa verbraucht, als in 2009. Insgesamt ist in den 2000er Jahren der Gasverbrauch in der Europäischen Union und in der nach dem EU-Beitritt strebenden Türkei fast anderthalbmal gestiegen – um über 84 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Zu berücksichtigen ist auch, dass die eigene Gasproduktion in Europa um mehr als 30 Prozent verringert ist, und zwar um 64 Milliarden Kubikmeter. Heute also, wenn die europäischen Länder ihre AKWs schließen, müssen Europa und die Türkei nach ca. 170 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr auf dem Weltmarkt suchen. Und das ist keine einfache Aufgabe. Man kann auf 15 Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Irak hoffen, der seine Erdgas- und Erdölindustrie wiederaufzubauen beginnt. Solange aber braucht Bagdad sein Erdgas für Energieerzeugung innerhalb des Landes. Das Problem ist auch mit Hilfe von Turkmenien kaum zu lösen – das muss nicht nur eine bedeutendste Verringerung des russischen Einflusses am Kaspischen Meer, sondern auch einen Abgang von China aus der Region bedeuten, das das zentralasiatische Erdgas schon für sein eigenes hält. Der möglichste Helfer ist Aserbaidschan, das seine Gaslieferungen auf Kosten des Gasfeldes Schach-Deniz II steigern kann. Das wird aber auch höchstens 15 Milliarden Kubikmeter pro Jahr im Laufe von den nächsten zehn Jahren bedeuten.
In einem Wort, wird die Gassituation in der EU zum Jahr 2020 dramatisch aussehen. Man kann auch versuchen, Katar vom Moratorium auf neue Gasbetriebe abzuraten, oder auf Schiefergasproduktion in der EU hoffen. All diese Strategien sind aber zu riskant. Also muss Europa trotz der verbreiteten Prognosen die Erdgaseinkäufe in Russland steigern. Mittelfristig, haben die Europäer keine Alternative dafür.
Den Text und den Ton dieses Beitrags finden Sie hier.
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